11. Agrartag am 6. April in Gotha

"Bankrotterklärung der Landespolitik"

Echtes Stroh als Dekoration hatte der diesjährige Agrartag, den die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden eG, die Volksbank und Raiffeisenbank Eisenach eG und die Raiffeisenbank Gotha eG wechselweise jährlich ausrichteten. Aus dem Stroh Gold zu spinnen – danach war den gut 100 Landwirten und Genossenschaftsbankern nach dem Auftritt von Dr. Klaus Sühl. Der Staatssekretär des Thüringer Ministeriums für Infrastruktur und Landwirtschaft brachte nämlich unfrohe Kunde: Wann die Agrarzuschüsse ausgezahlt werden, sei immer noch unklar.

Eröffnet wurde der 11. Agrartag von Jürgen Hackethal, der auch Gotha OB Knut Kreuch und den Kreisbeigeordneten Helmut Marx begrüßte. Hackethal, der Vorstandsvorsitzende der gastgebenden Gothaer Raiffeisenbank, thematisierte dann die dramatische wirtschaftliche Lage der Landwirte. Was sie für Milch, Getreide oder Schweinefleisch made in Thüringen bekommen, sei „zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel“. Das war auch allgemeiner Tenor der Runde im „Lindenhof“ zu Gotha.

Spannung daher, was die Landespolitik zu sagen hatte. Staatsekretär Dr. Sühl begann furios: „Es geht den Landwirten wirklich dreckig.“ Eine Folge globalisierter Märkte und des Überangebots. „Wir haben dafür aber keine Lösung.“ Das Landwirtschaftsministerium könne weder Preise festsetzen, noch „mit 5 oder 10 Cent jeden Liter Milch in Thüringen subventionieren“. Das verstieße gegen europäisches Recht. Aber man sei im Kontakt bis hin nach Brüssel. Sein Appell: Verbraucher, Handel und Verarbeiter müssten mehr Verantwortung zeigen. Als Anstoß dazu solle das Projekt „Thüringen-Regal“ den Verkauf regionaler Milch fördern.

Dann ließ er die Katze aus dem Sack: Die Auszahlungen der mit EU-Mitteln kofinanzierten Agrarzuschüsse (Greening und Kulap) verzögere sich weiter. Ursache sei eine neue „Stufe von Bürokratismus, die erreicht wurde“.

„Das ist eine Bankrotterklärung der Landespolitik“, zürnte Astrid Hatzel, Vorstandsvorsitzende der Agrar Schmalkalden-Schwallungen eG am Schluss der Veranstaltung. „Wir hatten mehr als die Idee vom Milch-Regal erhofft. Wir warten händeringend auf die Zuschüsse. Ohne sie bekommen nun auch Unternehmen Liquiditätsprobleme, die bisher ganz gut dastehen.“

Der Staatssekretär indes konnte sich nicht mehr erklären – er war kurz zuvor gegangen. So musste Dr. Hans Hochberg von der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft versuchen, die Wogen zu glätten. Er sprach diplomatisch von einem „Mangel an Abstimmung und Kommunikation“.

Letztlich unterstrichen aber die drastischen Worte von Astrid Hatzel zwei Aspekte, die sich während des ansonsten sehr informativen Agrartags abzeichneten: „Politik ist nicht mehr so verlässlich wie vor einigen Jahren. Richten Sie sich am Besten auf Ihren Betrieb aus. Die Marktverantwortung des Einzelnen wächst. Sie beginnt bei der Familie und endet am Futtertrog.“ Das sagte Friedrich Stute, Unternehmensberater und Landwirt aus Göttingen. Er riet zum „ehrlichen Rechnen der tatsächlichen Kosten“ und warnte vorm „Wegtauchen von den ungeliebten Zahlen in die Produktion“.

Selbstkritische Sicht aufs eigene Tun verordnete auch Jörn Pistorius. Der Geschäftsführer einen Raiffeisen Waren GmbH Kassel zeigte den Zusammenhang der Thüringer Agrarpreise mit denen der Weltmärkte.

„Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos“ – so könnte dennoch am Schluss das Fazit des Tages lauten. Wohl auch deshalb herrschte zumindest während eines Programmpunktes ausgelassene Heiterkeit: Dafür sorgte Hendrik Ruwisch, „leidenschaftlicher Landwirt“ aus der Gegend um Gütersloh und Gewinner des 1. Agrar-Slams. „Warum ist mein Job der Schönste?“ war das Motto seines deftigen, humorvollen Plädoyers für das Leben auf dem Lande.

Den 12. Agrartag richtet 2017 die VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden eG aus, wozu deren Vorstand Jan Wettstein abschließend einlud.
 

von links nach rechts: Moderator Maik Scholkowsky, Dr. Hans Hochberg, Hendrik Ruwisch, Jörn Pistorius, Wilfried Bouws und Friedrich Stute