Wir säen uns wieder!“ - zum Agrartag 2016 in Gotha

Jubiläum: Der 10. „Agrartag“ fand statt. Seit 2006 laden dazu die Volks- und Raiffeisenbanken aus Eisenach, Bad Salzungen-Schmalkalden und Gotha ein. Nach wie vor gehören Agrar-Unternehmen zu den wichtigsten Kunden der Genossenschaftsbanken. Deshalb gibt es seit 2006 dieses jährliche Forum rund um Thüringens Landwirtschaft. 2016 ist die Raiffeisenbank Gotha eG Gastgeber.

Birgit Keller, Thüringer Landwirtschaftsministerin

Überblick – den hat man von Eisenachs Göpelskuppe. Dort – im „Berghotel“ direkt neben dem Burschenschaftsdenkmal und mit direktem Blick auf die Wartburg – trafen sich rund 150 Landwirte aus dem Wartburgkreis und den Landkreisen Schmalkalden-Meiningen und Gotha.

Traditionell ist auch das Thüringer Landwirtschaftsministerium vertreten. Dort residiert nun Birgit Keller. Von der LINKEN-Politikerin wollten die Landwirte wissen, was die rot-rot-grüne Landesregierung mit „Agrarwende“ meine, was deren Präferenz des ökologischen Landbaus für die konventionelle Landwirtschaft bedeute, welches Verhältnis man zu Mastanlagen und Massentierhaltung habe und wann die lang schon ausstehenden Fördermittel der EU ausgezahlt würden. Die ministeriellen Antworten brachten nicht immer Aufschluss: Von „Wende“ habe sie nicht gesprochen, aber man könne nicht so weitermachen wie bisher. Deshalb und weil Verbraucher alles, was „öko“ sei, liebten, werde man dies unterstützen. Da aber nach wie vor 95 % der Thüringer Anbauflächen konventionell bewirtschaftet würden, sehe sie keine einseitige Bevorzugung. Das gelte auch in der Tierzucht. Die Ministerin rief dazu auf, „auf den Nachbarn zu achten“ und gemeinsam „schwarzen Schafen“ das Leben schwer zu machen. Dafür wolle sie ausreichend Kontrolle sicherstellen. Und dass das Geld aus Brüssel ausstünde, sei bekannt, aber aus Erfurt nicht zu ändern. Als sie alsbald ging, machte Grummeln und Tuscheln im Publikum klar: Hier blieben mehr offene Fragen als klare Positionen.

Gut, dass dann Falk Böttcher kam. Der Agrarmeteorologe vom Deutschen Wetterdienst (Leipzig) spricht nicht nur die Sprache der Bauern. Er ist sogar einer, ein studierter zudem. Nach seinem Wetterfrosch-Diplom 1996 studierte er Agrarmanagement, betreibt zudem in Teilzeit mit seinem Cousin im Altenburger Land Ackerbau. Böttcher belegte faktenreich und dennoch stets unterhaltsam: Der Klimawandel ist da. 2014 lag die Jahresmitteltemperatur hierzulande erstmals über 10 °C. Vor 60 Jahren betrug sie knapp 7 °C.

Der Winter 2013/14 sei der viertwärmste seit 1881. Die jährlichen Niederschlagsmengen sinken, seien zudem ungleichmäßig übers Jahr verteilt. Im Frühjahr werde es viel trockener, die Sommer hingegen seien feuchter. Höhere Temperaturen sorgten für stärkere Verdunstung – bis zu 200 l pro Quadratmeter und Jahr mehr. Im Winter falle Regen statt Schnee. Das wiederum lauge den Ackerboden aus, weil wasserverbrauchende Vegetation fehle. Alles in allem summieren sich eher ungünstige Faktoren für Thüringer Landwirte. Der Klimawandel mache sie also nicht zu Gewinnern, „aber auch nicht zu Verlierern – vorausgesetzt, die setzen sich damit intensiver auseinander“, motivierte Böttcher die Runde. So ist inzwischen belegt, dass die Vegetationsperiode im Frühjahr rund 25 Tage eher beginne und im Herbst bis zu 5 Tagen länger dauere. Chance und Risiko zugleich: Chance, eher aussäen zu können; Risiko, dass Nachtfröste Ausfallquoten nach oben treiben.

Deshalb und auch wegen der vegetarischen und veganen Zeitgeist-Trendsetter müsse aber niemand „ins Gras beißen“. Das bekräftigte in seinem gleichnamigen Vortrag Udo Pollmer. Der Ernährungswissenschaftler und leidenschaftliche Verteidiger konventioneller Landwirtschaft brach mit bayrischer Urgewalt übers Publikum her. Das hatte seinen Spaß, denn Pollmer machte aus seiner Fleischeslust keinen Hehl und rechnete bitterböse und sarkastisch mit Wiederkäuern aller Couleur ab: „Die Veganer fressen unseren Schweinen das Futter weg.“

Er spottete über „unbedarfte kleine Mädels“, die in der ZEIT „straflos über eine ,Willkommenskultur’ für Wölfe“ fabulieren dürften und empfahl ihnen, den Isegrims Begrüßungsgeld zu überreichen, „damit sie sich dann gemeinsam ein veganes Schnitzel kaufen“ könnten.

Den Landwirten riet er dringend, sich fähiger Köpfe zu bedienen, um das Image der Branche zu retten: „In Deutschland hält man die Landwirtschaft für überflüssig. Die Bevölkerung weiß nicht Bescheid, denn in der Schule lernen sie nicht nur nicht mehr rechnen. Wollen Sie also nicht nur als geduldet weiterexistieren, müssen Sie sich Ihren Erfolg organisieren!“

Jetzt also steht im Frühjahr 2016 der „11. Agrartag“ in Gotha an. Jürgen Hackethal, Vorstandsvorsitzender der Raiffeisenbank Gotha eG, lud dafür abschließend ein – während eine hintergründige Gabe zur Erinnerung verteilt wurde: Jeder Gast bekam Küchenkräuter in einer wasserfesten, papiernen Pflanztüte, bedruckt mit einer besonderen Botschaft: „Wir säen uns wieder!“